
Zuerst ist alles so unscheinbar. Eine kleine Unstimmigkeit, wie es sie immer mal wieder gab. Ein kurzes Schlagloch auf der Strasse, auf der man gemeinsam unterwegs ist. Wird schon wieder. Gibt’s immer mal wieder. Bis man realisiert, dass sich die Anzahl Schlaglöcher häufen. Das der gemeinsame Weg, der mal so schön, klar und weitläufig war, immer beschwerlicher wird. Also sucht man Erklärungen für dieses Phänomen. «Unser Wagen hat schon einige Jahre auf dem Buckel, da ist das normal» oder «Dir geht es gerade nichts so gut. Da ist es normal, manchmal nicht zu wissen, was man will». Gründe gibt es unendliche, warum eine Partnerschaft ins Schlittern gerät. Der fatalste von ihnen ist wohl der vermeintliche «Selbstschutz». Das Ausweichen vor der Frage «Wie weiter?», wenn es nicht mehr weiter geht. Zwar verständlich… denn wenn die Frage gestellt ist, ob man noch in die gleiche, gemeinsame Richtung geht, steht Veränderung an. Da fällt es lange einfacher, die Schlaglöcher auf der Strasse auszuhalten. Weil dies weniger Kraft kostet, als sich zu Hinterfragen. So verdrängt man das Unausweichliche. Zuerst ein paar Tage, weil nicht der «richtige Moment» für ein schwieriges Gespräch ist. Dann ein paar Wochen… Monate… vielleicht sogar Jahre. Bis der Leidensdruck zu gross wird, ihn weiter ignorieren zu können. Bis der Wagen endgültig von der Strasse abkommt. Und jetzt?
Man kann den Wagen wieder reparieren. Da bin ich überzeugt von. Reifen wechseln, Motor austauschen, sich Zeit nehmen für den Prozess… klappt alles mit genug Engagement, Zeit und Ehrlichkeit. Das Auto, sei es nun eine Freundschaft, Liebe oder Partnerschaft, kann wieder fahrtüchtig gemacht werden. Wenn man sich darauf zurückbesinnt, was man am Anderen hat. Wenn man bereit dafür ist, Kompromisse einzugehen. Wenn man Einsatz dafür gibt, an unangenehmen Lösungen zu Arbeiten. Weil es die Sache Wert ist. Weil man das Gegenüber als Gleichwertig sieht und diese Person so behandelt, wie man selbst behandelt werden möchte. Wenn man sich daran erinnert, warum man mal gemeinsam ein Auto gekauft hat. Doch dieser Prozess ist hart. Was, wenn man realisiert, dass man von sich selbst wegekommen ist im Lauf der Strasse und gar nicht mehr so richtig weiss, wohin der eigene Kompass zeigt? Ob die Strasse, auf der man so lange unterwegs war, überhaupt noch zu dem Ziel führt, wo das Glück wartet? Ausserdem braucht dieser Prozess Unmengen an Energie. Eine Ressource, die im Lauf der letzten Passagen der Reise immer weiter erschöpft wurde. Keine Kraft mehr zu haben… Nicht mehr zu können… ist verständlich. Also trennt man sich. Vielleicht ist braucht das Auto nur einen kleinen Service, bevor es weiterläuft und man kann noch diskutieren, wer jetzt damit weiterfahren darf. Aber die Wege trennen sich… und das ist wohl für beide das Beste. Und jetzt… wie weiter?
Irgendwo in der Wüste im Nirgendwo allein rumzustehen ist Sche*sse… also läuft man mal los. Links… rechts… Strasse… Sand… Egal! Einfach Bewegung. Stillstand führt zu Nachdenken, was zu Frust/Wut/Trauer führen kann und von diesem Gedankenkarusell bekommt man tendenziell eh schon genug mit über, wenn man sich Abends schlafen legt. Und auch wenn man nicht genau weiss, wohin man geht, ist es beruhigend zu wissen, dass man irgendwo ankommen wird. Auch wenn man noch nicht genau weiss, wo das schlussendlich sein wird. Und wer weiss… auf dem Weg nach «WeissichdochselbernichtGopf!» trifft man vielleicht irgendwann jemanden, der ebenfalls irgendwo im nirgendwo unterwegs ist. Und ist erstmal zurückhaltend… Man sass bereits einmal mit 100kh/h in einem Auto Richtung Zukunft, nur um zu realisieren, dass man sich auf dem Weg verloren hat. Das ganze Drama, die ganze Energie und Zeit kann man sich eigentlich sparen. «Been there, done that» sozusagen. Und doch… ist alleine unterwegs zu sein weniger lustig, spannend und tiefergehend als zu zweit. Angst zu haben, sich wieder zu öffnen… sich wieder so verletzlich zu machen… ist normal. Sich überfordert zu fühlen, wenn man Zukunftspläne schmiedet, im Wissen, dass es bereits einmal nicht geklappt hat… ist normal. Doch vielleicht… wenn man sich sicher ist, wohin der eigene Kompass zeigt… kann man ja zumindest mal wieder in die gleiche Richtung loslaufen. Mal bis zur nächsten Kreuzung… oder zur nächsten Herberge… Ist ja auch schon spät… Schritt für Schritt schauen, wohin der Weg so führen wird. Neue Geschichten können nicht entstehen, wenn man nie beginnt, einen ersten Satz zu verfassen. Schlussendlich ist das Leben auch zu kurz, um zu Lange auf einer Stelle zu verweilen.
